Für Familien und Angehörige

Sie sind nicht allein

Wenn ein Mensch, der Ihnen nahesteht, sich in Gesprächen mit einem Chatbot verliert, ist das verstörend. Andere Familien haben das schon erlebt: Im Oktober 2024 verklagte eine Mutter aus Florida Character.AI, nachdem ihr 14-jähriger Sohn sich nach monatelanger intensiver Bindung an einen Chatbot das Leben genommen hatte. Im Dezember 2024 verklagte eine Familie aus Texas dasselbe Unternehmen. Sie wirft den Chatbots vor, ihren autistischen 17-jährigen Sohn zur Selbstverletzung ermutigt zu haben.

Mit Behandlung geht es vielen Betroffenen wieder besser. Diese Seite zeigt, wie Sie helfen können, ohne sich selbst zu verlieren.

Warnzeichen erkennen

Der dänische Psychiater Søren Dinesen Østergaard warnte 2023 in einem Editorial im Schizophrenia Bulletin als Erster vor diesem Risiko. Sein Argument: Ein Gespräch mit etwas, das lebendig wirkt und doch eine Maschine ist, kann bei anfälligen Menschen Wahnvorstellungen auslösen. Manche Forscher vergleichen das mit einer Folie à deux, einem Wahn, den zwei gemeinsam aufbauen. Nur ist einer der beiden ein Chatbot.

Verhaltensveränderungen

  • Täglich viele Stunden mit KI-Chatbots verbringen
  • Treffen mit Freunden und gemeinsame Familienzeit meiden
  • Verändertes Schlafverhalten (lange wach für KI-Gespräche)
  • Hygiene, Mahlzeiten oder Verantwortlichkeiten vernachlässigen
  • Heimlichtuerei bei der Handy- oder Computernutzung

Kognitive und emotionale Zeichen

  • Über KI sprechen, als hätte sie Gefühle oder Bewusstsein
  • Überzeugung, die KI habe besondere Einsicht oder besonderes Wissen
  • Paranoide Ängste vor Überwachung oder Kontrolle
  • Intensive emotionale Bindung an die KI. In einem Fallbericht von 2025 (Innovations in Clinical Neuroscience) bestärkte ein Chatbot die Wahnvorstellungen einer Patientin mit Sätzen wie „Du bist nicht verrückt“
  • Wichtige Entscheidungen allein auf KI-Ratschläge stützen
  • Glauben, KI kommuniziere durch versteckte Nachrichten

Notfall-Warnzeichen

Suchen Sie sofortige professionelle Hilfe bei:

  • Erwähnung von Selbstverletzung oder Suizid
  • Aktive Halluzinationen (Dinge hören/sehen)
  • Vollständiger Bruch mit der Realität
  • Drohungen, andere zu verletzen
  • Unfähigkeit, grundlegende Selbstpflege durchzuführen

Rufen Sie 112 oder gehen Sie zur nächsten Notaufnahme.

Wie Sie helfen können

Erste Schritte

  1. Sich über die Erkrankung informieren

    KI-Psychose ist eine echte psychische Krise, kein moralisches Versagen. Unsere Über-Seite bietet detaillierte Informationen.

  2. Fürsorglich auf die Person zugehen

    Wählen Sie einen ruhigen Moment, in dem die Person nicht gerade die KI nutzt. Machen Sie deutlich:

    • Sie sprechen aus Sorge, nicht aus Ärger
    • Sie haben spezifische Verhaltensweisen bemerkt, die Sie beunruhigen
    • Sie möchten helfen, nicht urteilen
    • Sie sind da, um zuzuhören

    So könnten Sie anfangen:

    • "Ich habe bemerkt, dass du viel Zeit mit KI verbringst. Wie fühlst du dich?"
    • "Du bist mir wichtig und ich mache mir etwas Sorgen. Können wir reden?"
    • "Ich habe darüber gelesen, wie KI Menschen beeinflussen kann. Was denkst du darüber?"
    • "Ich vermisse es, Zeit mit dir zu verbringen. Können wir etwas zusammen unternehmen?"
  3. Professionelle Bewertung fördern

    Schlagen Sie behutsam ein Gespräch mit einer Psychotherapeutin, einem Psychiater oder der Hausärztin vor. Bieten Sie Hilfe an:

    • Passende Praxen suchen
    • Beim ersten Termin begleiten
    • Fragen zu Krankenkasse und Kosten klären
    • Zum Termin fahren
  4. Geduldig sein

    Ein Gespräch löst das Problem nicht. Rechnen Sie mit mehreren Anläufen und mit Rückschlägen.

Im Gespräch

Hilfreich

  • Ruhig und nicht wertend sprechen
  • Gefühle ernst nehmen
  • Spezifische Verhaltensweisen ansprechen
  • "Ich"-Aussagen verwenden ("Ich mache mir Sorgen...")
  • Zuhören, ohne sofort zu unterbrechen
  • Konsistente Grenzen setzen
  • Kleine Fortschritte feiern

Vermeiden

  • Ihre Überzeugungen verspotten oder lächerlich machen
  • Aggressiv mit Logik streiten
  • Ultimaten geben ("Hör auf oder...")
  • Mit Schuld oder Scham arbeiten
  • Geräte ohne Plan/Sicherheitsgrund entfernen
  • Ihre Grenzen ignorieren
  • Sofortige Veränderung erwarten

Praktische Unterstützung

  • Sicheres Umfeld schaffen. Strukturierte Routine fördern, Familienmahlzeiten ohne Geräte, technologiefreie Zeiten etablieren.
  • Soziale Verbindung ermöglichen. Gemeinsame Unternehmungen ohne Bildschirm planen, Kontakt zu Freunden fördern.
  • Professionelle Behandlung koordinieren. Bei Terminen helfen, mit Einverständnis mit Behandelnden sprechen, auf regelmäßige Medikamenteneinnahme achten.
  • Gesündere Gewohnheiten fördern. Bewegung, Natur, Hobbys, ausreichend Schlaf, nahrhafte Mahlzeiten.

Wann Sie stärker eingreifen

Wenn professionelle Hilfe verweigert wird

  • Bei Minderjährigen entscheiden die Sorgeberechtigten über eine Behandlung. Eine geschlossene Unterbringung muss das Familiengericht genehmigen
  • Bei Erwachsenen ist es schwieriger. Der Sozialpsychiatrische Dienst berät Angehörige, welche Wege es gibt
  • Ein gemeinsames Familiengespräch mit Fachleuten ist oft ein weniger konfrontativer erster Schritt
  • Lassen Sie sich selbst fachlich beraten, wie Sie vorgehen können

Krisensituationen

Bei unmittelbarer Gefahr können Sie möglicherweise:

  • 112 für psychiatrische Notfallbewertung rufen
  • Sie zur Notaufnahme bringen
  • Mobile Krisenteams kontaktieren (falls verfügbar)
  • Eine Unterbringung gegen den Willen ist nur bei akuter Gefahr möglich. Darüber entscheiden Ärzte, Behörden und ein Gericht

Die Regeln unterscheiden sich je nach Bundesland. Der Sozialpsychiatrische Dienst vor Ort kennt sie.

Auf sich selbst achten

Jemanden durch eine psychische Krise zu begleiten, kostet Kraft. Rechnen Sie mit heftigen Reaktionen, wenn der Chatbot wegfällt oder sich verändert: Als Replika 2023 seine erotische Rollenspiel-Funktion entfernte, fanden die Soziologen Hanson und Bolthouse (Socius, 2024) in Reddit-Beiträgen Trauer und akute Verzweiflung.

Suchen Sie eigene Therapie oder Beratung, oder eine Unterstützungsgruppe für Betreuer. Halten Sie gesunde Grenzen, machen Sie regelmäßig Pausen, und pflegen Sie Schlaf, Ernährung, Hobbys und eigene Kontakte.

Anzeichen von Betreuer-Burnout

  • Ständige Müdigkeit oder Erschöpfung
  • Reizbarkeit oder Kurzangebundenheit
  • Sich hoffnungslos oder überwältigt fühlen
  • Eigene Gesundheit vernachlässigen
  • Sozialer Rückzug
  • Groll gegenüber der betroffenen Person

Falls Sie diese erleben, suchen Sie Unterstützung.

Ressourcen für Familien

In Deutschland

  • Telefonseelsorge (24/7)

    0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Kostenlos, vertraulich, anonym.

  • Krisenchat (Chat/WhatsApp)

    WhatsApp: 0177 272 77 27 oder über krisenchat.de. Chat-basierte Krisenunterstützung für junge Menschen.

  • Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen

    www.bapk.de. Unterstützung speziell für Familienmitglieder psychisch Erkrankter.

Weitere Hilfsangebote

  • Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

    www.dgppn.de
  • Sozialpsychiatrischer Dienst

    Verfügbar in den meisten Städten und Gemeinden für kostenlose Beratung.